Smartphone-Hersteller: Apple lenkt von eigenen Fehlern ab

Von am 18. Juli 2010  

Die Antwort von RIM, Motorola, Nokia und HTC: Steve Jobs sollte nicht mit dem Finger auf andere zeigen

In einer höchst defensiven Pressekonferenz zu den Empfangsproblemen von iPhone 4 brachte Apples CEO ausnahmsweise die Geräte anderer Hersteller mit auf die Bühne. Er umfasste einen Blackberry von Research in Motion (RIM), einen Droid Eris von HTC sowie ein Samsung Omnia II mit der ganzen Hand, um zu zeigen, dass sich mit diesem Vollgriff auch bei anderen Geräten der Empfang verschlechtern kann.

Das hatte wenig mit dem im Labortest von Consumer Reports bestätigten Konstruktionsfehler von iPhone 4 zu tun, dessen außen umlaufende Antenne schon bei einer zufälligen Berührung mit nur einem Finger Verbindungsabbrüche provozieren kann. So sehen es auch die betroffenen Hersteller und haben sich mehr oder weniger deutlich zu Wort gemeldet.

“Von Apple selbst verschuldetes Debakel”

Mike Lazaridis und Jim Balsillie, die beiden Chefs von RIM, feuerten mit einer offiziellen Presseerklärung zurück: “Apples Versuch, RIM in das selbst verschuldete Debakel zu ziehen, ist nicht hinnehmbar. Apples Behauptungen über RIM-Produkte scheinen bewusste Versuche zu sein, die öffentliche Wahrnehmung von einem Antennen-Konstruktionsproblem zu verzerren und die Aufmerksamkeit von Apples schwieriger Situation abzulenken.”

Sie führten weiter aus, dass RIM seit über 20 Jahren mit Mobilfunk arbeitet und in dieser Zeit Konstruktionen wie die von Apple im iPhone 4 eingesetzte vermieden hat. Stattdessen habe RIM innovative Konstruktionen entwickelt, um das Risiko von Verbindungsabbrüchen insbesondere bei geringer Sendeleistung zu reduzieren:

“Eines ist sicher, RIMs Kunden benötigen kein Gehäuse für ihr Blackberry-Smartphone für eine gute Verbindungsqualität. Apple hat eindeutig bestimmte Design-Entscheidungen getroffen und sollte die Verantwortung für diese Entscheidungen akzeptieren statt zu versuchen, RIM und andere in eine Situation zu ziehen, die speziell Apple betrifft.”

Motorolas Handychef Sanjay Jha machte es kurz und schmerzlos: “Es ist unredlich zu behaupten, dass alle Mobiltelefone in ihrer Leistung gleich sind. Unsere Tests haben ergeben, dass Droid X in der Leistung weit besser ist als das iPhone 4, wenn es in den Händen der Verbraucher ist.”

Nokia erlaubt sich, Apple Nachhilfe in Antennentechnik zu geben: “Die Konstruktion von Antennen ist eine komplexe Angelegenheit und eine Kernkompetenz Nokias seit Jahrzehnten und über Hunderte von Handymodellen hinweg … Und wie von einem Unternehmen zu erwarten ist, das vor allem Menschen verbinden möchte, geben wir der Antennenleistung den Vorrang gegenüber dem äußeren Design, wenn sie jemals miteinander in Konflikt geraten.”

HTC schlug mit einer Zahl zurück. “Wir hatten nur sehr wenige Beschwerden über Signal- oder Antennenprobleme mit Droid Eris”, erklärte Eric Lin, weltweit für PR und Community zuständig. Mit “ungefähr 0,016 Prozent der Kunden” nannte er dazu einen Prozentsatz, der um einige Stellen unter der von Jobs selbst genannten Beschwerdequote von 0,55 Prozent (dazu später noch mehr) der Käufer von iPhone 4 liegt.

Steve Jobs hat mit dem vergeblichen Versuch, vom eigenen Konstruktionsfehler abzulenken, noch mehr darauf aufmerksam gemacht. Die zu erwartenden Reaktionen der betroffenen Hersteller stoßen die Öffentlichkeit erst recht auf “Antennagate”. Der Streisand-Effekt lässt grüßen.

Wie Steve Jobs mit “harten Daten” umgeht

Wie Jobs während der Pressekonferenz auch mit seinen “harten Daten” zu manipulieren wusste, nahm der Hype-resistente Farhad Manjoo bei Slate gekonnt auseinander. Steve Jobs hatte sich auf Daten des exklusiven Mobilfunkpartners AT&T berufen und erklärt, es komme auf 100 Anrufe zu weniger als einem zusätzlichen Verbindungsabbruch im Vergleich zu iPhone 3GS.

Das hört sich im ersten Augenblick minimal an, hat es aber in sich. Slate hatte schon im letzten Jahr von einem AT&T-Sprecher zu iPhones erfahren, dass es durchschnittlich bei einem von 100 Anrufen zu einem Abbruch kommt. Sollte es bei iPhone 4 nun im Schnitt zu fast einem zusätzlichen Abbruch bei 100 Anrufen kommen (genauer wollte es Jobs nicht verraten, weil AT&T es die Wettbewerber nicht wissen lassen wolle), entspräche das schon fast einer Verdoppelung der Abbrüche.

Jobs führte außerdem an, nur 0,55 Prozent der Kunden hätten sich über Empfangsprobleme beschwert. Er vergaß zu erwähnen, dass zuvor schon Anweisungen an Apples Mitarbeiter öffentlich wurden, mit welchen Standardaussagen sie Anrufer abfertigen sollten (“Führen Sie keine Garantieleistungen aus. Benutzen Sie die oben angeführten Aussagen zu allen Fragen und Bedenken der Kunden.”).

Wer ruft schon bei AppleCare an, um sich abwimmeln zu lassen? Und wer erwartet von Steve Jobs eine ehrliche Antwort, nachdem er die Form über die Funktion stellte und sich auch von einem kompetenten Antennenfachmann davon abbringen ließ?

Abbildung: Matt Buchanan / CC

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