Apple: Wir zensieren keine Wörterbücher

Von am 7. August 2009  

ninjawords-logoJedenfalls nicht selbst, das machen die Entwickler doch freiwillig. So möchte uns Apple Senior Vice President Phil Schiller die Zensur-Affäre um ein Iphone-Wörterbuch erklären.

“Apple hat den Entwickler nicht aufgefordert, jegliche Inhalte in Ninjawords zu zensieren. Der Entwickler hat sich selbst entschieden, das zu tun, um schneller auf den Markt zu kommen.” So reagierte Phil Schiller, Apple Senior Vice President, nachdem seine PR-Abteilung offenbar Überstunden einlegen musste. Er ist nun sichtlich um das Image seines Unternehmens besorgt, nachdem Apples neueste App-Store-Eskapaden um die Welt gingen.

“Gestern Abend habe ich Ihre Kolumne über die Wörterbuch-Anwendung Ninjawords gelesen …” beginnt eine E-Mail Schillers an den Blogger John Gruber. Damit fuhr Apple eine PR-Kampagne zur Schadensbegrenzung hoch, wie es Tricia Duryee in der Washington Post einschätzt. Schillers PR-Leute versäumten es natürlich nicht, ihr und anderen Journalisten Links zu der in Daring Fireball veröffentlichten Mail zu senden.

ninjawordsDer PR-Spin verfängt zumindest bei besonders Apple-geneigten Blogs. Die Entwickler einer Wörterbuch-Anwendung für das Iphone haben sich also angeblich ganz “freiwillig” selbst zensiert, wie sie jetzt im Namen Apples predigen.

Tatsächlich wollten die Entwickler nicht weitere Monate warten auf die von Apple aufgedrängte Altersfreigabe ab 17, die es für das Iphone-OS noch gar nicht gab. Der Veröffentlichungstermin für Iphone OS 3.0 mit “elterlicher Zugangskontrolle” aber war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal bekannt. Dazu kam Konkurrenzdruck, denn sie mussten zusehen, wie eine Wörterbuch-App nach der anderen kam.

Phil Crosby von Matchstick Software hat alles ganz anders in Erinnerung, als es Apple-Vize Phil Schiller jetzt darstellt: “Apple mag eine Einstufung 17+ auf unsere Anwendung kleben, sich die Hände waschen und sagen: ‘Niemand zwingt dich, die Anwendung zu zensieren.’ Aber zur gleichen Zeit üben sie massiven Druck auf uns aus, es zu tun. Wer will schon als einziger ein verbotenes Wörterbuch haben?”

Schiller behauptet weiterhin, es sei nicht nur um die üblichen, auch in anderen Wörterbüchern enthaltenen Vier-Buchstaben-Wörter gegangen, sondern um noch weit schlimmeren “urban slang”. Tatsächlich aber hatten sich “Gutachter” in Apples App Store über Wörter in Ninjawords beschwert wie shit, fuck und cunt. Die aber kommen auch im American Heritage Dictionary (30 US-Dollar, eingestuft ab 9 Jahren) sowie Dictionary.com (kostenlos im App Store, eingestuft ab vier Jahren) vor.

Apple verpasst im Übrigen auch die Alterseinstufung ab 17 für zahlreiche Apps mit der schlichten Begründung , dass sie “ungefilterte Internet-Inhalte” darstellen. Das Wörterbuch Ninjawords bietet jedoch keinen direkten Zugang zum per Web-Browser frei zugänglichen Wörterbuch Wiktionary, sondern die (eingeschränkten) Inhalte zum Zeitpunkt der App-Entwicklung. Auch das rechtfertigte also selbst nach Apples eigenen Regeln nicht die Einstufung des Wörterbuchs “nur für Erwachsene”.

Noch mehr Ausreden, Apple?

(bk)

Zum Thema bei TecZilla:

Apple dreht durch: Wörterbuch zensiert und nur für Erwachsene freigegeben

Apple sperrt Google Voice: Regulierer fragen nach

Iporn-Affäre: Girls, die zu heiß für das Iphone waren

Mit Iphone und Gewehr

Zum Thema im Web:

Daring Fireball

Washington Post

Matchstick Software

Wiktionary

Screenshots: Matchstick Software

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